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Im Gespräch mit Peter Spork

Für eine ausgeschlafene Gesellschaft

von Markus Kamps

In seinem neuen Buch „Wake up!“ (Hanser Verlag) plädiert der Chronobiologe Peter Spork für eine ausgeschlafene Gesellschaft. Er weist auf die Probleme hin, die chronischer Schlafmangel verursacht und zeigt Lösungsansätze auf. Politik und Wirtschaft sind gefragt, Fehlentwicklungen gegenzusteuern – schon im eigenen Interesse. Und auch jeder einzelne von uns kann besser schlafen, wenn er seinen Tagesablauf der inneren Uhr angleicht. 

 

Schlafkampagne: Weshalb ist Deutschland so eine zwanghafte Frühaufstehernation?

Spork: Weil wir tief verwurzelt sind in dem sprichwörtlichen Glauben, dass erst die Arbeit kommen muss, und dann das Vergnügen. Wir stehen früh auf, damit nach der Arbeit noch viel vom Tag übrig ist. 

SK: Was bedeutet es für den Organismus, wenn man ständig früh aufsteht, obwohl der Körper eigentlich anders gepolt ist?

Spork: Vier Fünftel der Bevölkerung stehen an mindestens fünf Tagen der Woche mit dem Wecker auf. Und wer einen Wecker benötigt, um aufzustehen, der steht zu früh auf, agiert gegen seine innere Uhr. Man ist nicht ausgeschlafen, auf Dauer resultiert ein Zustand chronischen Schlafmangels. Ein solches Schlafdefizit kann krank machen. Es erhöht das Risiko fast aller psychischer Leiden wie Depressionen, Burnout oder ADHS bei Kindern; es bringt den Stoffwechsel durcheinander, kann zu Übergewicht und Diabetes führen, macht uns unkonzentriert und reizbar, lässt uns schneller altern. Physiologisch gesehen verursacht Schlafmangel toxischen Dauerstress für den Organismus und erhöht daher auch das Risiko klassischer Stresskrankheiten, etwa des Herz-Kreislauf-Systems, bis hin zu Krebs. Bei Menschen, die ohnehin eine Veranlagung zu bestimmten Krankheiten haben, kann Schlafmangel der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.  

SK: Und welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat das?

Spork: Es steigen vor allem die Kosten des Gesundheitssystems, und auf die immer wieder beschworene Leistungsfähigkeit wirkt es sich negativ aus. Hier politisch und arbeitsrechtlich einzugreifen wäre, da sind sich Schlafforscher und Chronobiologen einig, eine effiziente Präventionsmaßnahme. Die Gesellschaft würde kreativer, entspannter, weniger aggressiv, der Krankenstand – vor allem bei Nacht- und Schichtarbeit – würde spürbar sinken. 

SK: Sie rufen in Ihrem Buch „Wake up!“ zu einer ausgeschlafenen Gesellschaft auf. Aber kann das überhaupt funktionieren? Immerhin gibt es viele gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche, in denen frühe oder Nachtaktivität zwingend ist...

Spork: Ja, die gibt es. Aber es gibt auch einen Trend, Nacht- und Schichtarbeit dort auszuweiten, wo sie vermeidbar wäre. Supermärkte zum Beispiel müssen nicht rund um die Uhr geöffnet sein, Büros und Callcenter nicht 24 Stunden lang besetzt. Und wenn man dort ansetzt senkt man automatisch auch den Bedarf in anderen Bereichen. Trotzdem ist es richtig, dass Schicht- und Nachtarbeit in einigen Branchen unvermeidbar bleiben wird. Aber man kann die Auswirkungen abfangen, etwa indem Schichtpläne an die Chronotypen der Arbeitnehmer angepasst werden. Im Schichtdienst sollte man die Wochenarbeitszeit zudem auf dreißig Stunden reduzieren bei vollem Lohnausgleich und anstelle von Schichtzuschlägen das Lohnniveau insgesamt anheben, denn gerade hier handelt es sich oft um anstrengende und fordernde Tätigkeiten, die vergleichsweise schlecht entlohnt sind. Zwar entwickelt man auf Dauer unbewusst Strategien, um besser mit einem Leben gegen den inneren Rhythmus zurecht zu kommen, aber richtig gewöhnen kann sich der Körper nicht, deshalb sind lange Erholungsphasen so besonders wichtig. In meinem Buch schlage ich ein System aus vier Schichten von je sechs Stunden vor, was auch zu einer dreißig-Stunden-Woche passen würde. Jeder Arbeitnehmer würde dann im Wechsel nur noch in einem zwölf-Stunden-Zeitfenster arbeiten, das sich nach seinem Chronotyp richtet. Natürlich erfordert so etwas ein Umdenken und müsste mit sozialen Erfordernissen in Einklang gebracht werden, aber es würde verhindern, dass Menschen immer und immer wieder arbeiten müssten, wenn ihr Körper auf Schlaf programmiert ist.

SK: Sie kritisieren auch die nach Präsenzzeit geregelte Arbeit, die in vielen Bereichen heute aufgrund technischer Entwicklungen gar nicht mehr nötig wäre … welche Alternativen sehen Sie? 

Spork: Es experimentieren ja schon viele Unternehmen mit alternativen Modellen. Etwa mit einer Entlohnung nach konkret erbrachter Leistung anstelle von Bezahlung nach Präsenz. Es gibt dann keine festen Arbeitszeiten mehr und keine eigenen Büros; man kann theoretisch überall arbeiten und immer ausschlafen. Natürlich bringt das neue Probleme mit sich und funktioniert nicht in allen Branchen. Es kann dazu führen, dass Menschen sich selbst ausbeuten und absichtlich zu viel arbeiten, weil sie für mehr Leistung auch mehr Geld bekommen. Das wäre kontraproduktiv. Es muss auch darauf geachtet werden, dass Schwächere, die für dieselbe Arbeit länger brauchen als ihre Kollegen, nicht benachteiligt werden. Daher könnte man an einem fixen Monatsgehalt festhalten, sollte aber m Ort und der Zeiteinteilung der Arbeit flexibler werden. Zu viele Menschen sitzen heute im Büro auch dann ihre Zeit ab, wenn gar nichts zu tun ist. Das ist demotivierend und bringt niemandem etwas. Ich bin dafür, den Präsentismus abzuschaffen und nach neuen Lösungen zu suchen. 

SK: Was kann der Einzelne – nehmen wir den Durchschnittsmenschen mit 9to5-Job – tun, um zu einem besseren, gesünderen Rhythmus zu gelangen?

Spork: Er kann versuchen, tagsüber viel Tageslicht abzubekommen, seine Pausen im Freien zu verbringen und sich dabei auch zu bewegen. Das hilft, den inneren mit dem äußeren Rhythmus besser zu synchronisieren. Wenn das nicht geht, sind Tageslichtlampen, also helles, kaltweißes Licht, sinnvoll. Gegen Abend sollte hingegen zuviel künstliches Licht vermieden werden. Wenn der Arbeitgeber mitspielt, kann man versuchen, sich eher vormittags Freizeit zu gönnen und die Arbeit etwas nach hinten zu verschieben. Für die meisten Menschen – nämlich all jene, die einen Wecker brauchen – wäre das die sinnvollere Aufteilung von Arbeit und Freizeit. 

SK: Das Thema Schlaf und Schlafoptimierung rückt immer mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit. Könnte das nicht auch kontraproduktiv sein, indem man den Leuten Druck zur Selbstoptimierung und damit Stress – den Schlafkiller Nummer eins – verursacht? 

Spork: Genau so ist es. Es ist eine Fehlentwicklung, dass wir uns aus Sorge immer mehr auf Schlafstörungen und unser Verhalten spätabends und nachts konzentrieren. Alle Vorschläge, die ich in meinem Buch mache, zielen auf eine Veränderung des Tagesablaufs. Wenn das gelingt, kommt der bessere Schlaf oft ganz von selbst.  

Weitere Informationen zu Buch und Autor finden Sie unter www.peter-spork.de