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Jeder schläft anders

Die besondere Art von Untermietern, die sogenannten „Schlafgänger“

von Joachim Becker

Foto © "Neue Bündner Zeitung“

Als Schlafgänger, Schlafleute, Schlafburschen aber auch Schlafmädchen wurden damals Menschen bezeichnet die keine eigene Wohnung und damit auch kein eigenes Schlafzimmer hatten oder sich diese nicht leisten konnten, und sich gegen Entgelt (Schlafgeld) eine Mitschlafgelegenheit beschafften. Man sprach in diesem Zusammenhang von „halboffenen Familien.

Es kam auch vor, dass besonders arme Familien die Betten auch an zwei verschiedene Schlafgänger vermieteten. Sie waren dementsprechend in keinem Adressbuch verzeichnet. Doch unumstritten ist, dass Schlafgänger vorwiegend junge Männer aber auch Verheiratete waren, die auf dem Lande lebten, lediglich zum Geldverdienen in die Stadt kamen und entweder Wochenende oder erst nach dem Ende der Sommermonate nach Hause fuhren.
Die beengten städtischen Arbeiterwohnungen ließen die Weitervermietung eines ganzen Schlafzimmers nicht zu. Da bedeutete schon die Vermietung von einzelnen Betten eine Nebeneinnahme. Gerade die üblichen Schichtarbeiten machten es möglich, die Bettstellen eines Haushaltes umschichtig zu nutzen. Die Betten wurden im Wechsel tagsüber oder nachts ausschließlich zum Schlafen vermietet. Zwei oder sogar drei Arbeiter, die in verschiedenen Schichten tätig waren, mieteten gemeinsam ein Bett und benützten es abwechselnd. Die Betten wurden dadurch nie kalt oder es kam vor, dass sie vor dem Bett gar Schlange standen. 
Bequemlichkeit und Intimität kamen gar nicht in Betracht. Viele Familien, die die Schlafgänger aufnahmen, wohnen selbst unter beengtesten räumlichen Verhältnissen. Wenn sie mehrere Arbeiter aufnahmen, kam es vor, dass ein Familienmitglied mit einem oder mehreren Schlafgängern zusammen in einem Bett schlafen musste.
Nach einem „Bochumer Bericht von 1886 “ging die Frau mit dem Schlafgänger ins Bett, die Töchter folgten nach, wurden verkuppelt, und der Vater fing vor Scham an zu trinken”. Man sieht, mit den neuen Lebens- und Wohnverhältnissen wurde die traditionelle Sozialbeziehung zwischen Menschen zerstört und stark verändert. 
Überbelegung und schlechte sanitäre Verhältnisse waren an der Tagesordnung.
Wie wichtig diese Institution für Zuwanderer war, lässt sich daran erkennen, dass es 1908 im Ruhrgebiet in 66% der Haushalte einen Schlafgänger gab.
Im Jahr 1880 gab es in Berlin 32 289 Haushaltungen die 59 087 Schlafleute oder Schlafgänger beherbergten. Um 1900 kamen in Berlin 84 235 Schlafburschen und 29 623 Schlafmädchen oder Frauen auf 72 445 Haushaltungen. Einen Schlafplatz zu mieten bedeutete nicht, dass man ein eigenes Bett hat. 
Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Großstädten wie etwa Berlin und Hamburg durchschnittlich in ca. 15 – 20 % der Wohnungen Schlafgänger.
In Berlin entwickelte sich ein Schlafstellenwesen. Der zeitkritische Maler und Zeichner, Heinrich Rudolf Zille (*1858-1929†) hielt das "Milljöh" in vielen Bildern fest.
Schlafgänger gab es aber nicht nur in Deutschland. Einer Studie nach waren 30 Prozent der Arbeiter in Wien in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Schlafgänger. Noch bis in das 20. Jahrhundert hinein waren besondere Schlafzimmer vor allem für Arbeiter ein unerschwinglicher Luxus. 
In den 1960er Jahren entspannte sich schließlich die Situation. Das heißt, dass oft neben den Eltern auch die Kinder ein eigenes Schlafzimmer erhielten.